
Wer in den 1950er- und 1960er-Jahren im Emsland Leichtathletik verfolgte, kam an einem Namen kaum vorbei: Stubbe. Ob auf der Laufbahn oder beim Straßenrennen – er gehörte zu den schnellsten Läufern seiner Generation.
Bei Volksläufen, Straßenrennen und Leichtathletikveranstaltungen war mein Vater ein bekanntes Gesicht. Mit außergewöhnlicher Ausdauer, großem Ehrgeiz und unermüdlichem Trainingsfleiß erarbeitete er sich einen Ruf, der weit über die Grenzen des Emslandes hinausreichte. Viele nannten ihn schlicht den „schnellen Stubbe“.
Noch größer war jedoch die Anerkennung, wenn man ihn respektvoll den „Zátopek aus dem Emsland“ nannte. Dieser Spitzname war eine besondere Auszeichnung. Er bezog sich auf den tschechoslowakischen Ausnahmeathleten Emil Zátopek, der bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki Sportgeschichte schrieb. Mit Goldmedaillen über 5.000 Meter, 10.000 Meter und im Marathon gilt Zátopek bis heute als einer der bedeutendsten Langstreckenläufer aller Zeiten. Mit Emil Zátopek verglichen zu werden, war damals eine Ehre, die nur wenigen Sportlern zuteilwurde.
Zu den Höhepunkten der sportlichen Laufbahn meines Vaters gehörte der Sieg beim traditionsreichen Straßenlauf „Rund um Münster“ im Jahr 1958. Die Siegerplakette erinnert bis heute an diesen Erfolg. Sie erinnert zugleich an unzählige Trainingskilometer, an Disziplin, Durchhaltevermögen und an die Leidenschaft für den Laufsport. Hinter jeder Medaille stehen unzählige Stunden des Trainings, der Verzicht auf Bequemlichkeit und der feste Wille, immer wieder an die eigenen Grenzen zu gehen.
Damals gab es keine Fitness-Apps, keine sozialen Medien und kaum öffentliche Aufmerksamkeit für den Breitensport. Erfolge wurden in den Lokalzeitungen veröffentlicht, auf den Sportplätzen besprochen und von den Zuschauern weitererzählt. Wer den Namen Stubbe hörte, wusste, dass ein außergewöhnlicher Läufer an den Start ging.
Mein Vater sprach nur selten über seine sportlichen Erfolge. Er war kein Mensch, der sich in den Vordergrund stellte oder Anerkennung suchte. Seine Leistungen sollten für sich sprechen – und genau das taten sie. Der Respekt seiner Mitstreiter und die Wertschätzung der Menschen, die ihn laufen sahen, bedeuteten ihm weit mehr als Pokale oder Medaillen.
Heute ist diese Siegerplakette weit mehr als eine Auszeichnung für einen gewonnenen Wettkampf. Sie ist ein Stück Familiengeschichte. Sie erinnert an einen Menschen, der mit Bescheidenheit, Disziplin und außergewöhnlichem Leistungswillen viele Menschen beeindruckte und dessen Name bis heute mit der Leichtathletik im Emsland verbunden ist.
Der „Zátopek aus dem Emsland“ – diesen Beinamen verlieh keine Urkunde und keine Medaille. Er wurde von den Menschen vergeben, die ihn laufen sahen. Ein größeres Kompliment konnte ein Läufer damals kaum erhalten.