Diese Seite erzählt die Geschichte von meinem Opa Johann Stubbe, geb. 17.01.1914 in Rhede (Ems) im II. Weltkrieg

Originalbild der Familie
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Johann Stubbe, geb. 17.01. 1914 in Rhede (Ems) mit seiner Frau Veronika.
Der Zweite Weltkrieg dauerte vom 1. September 1939 bis zum 2. September 1945 und war der größte und blutigste Konflikt der Menschheitsgeschichte, ausgelöst durch den Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf Polen. Über 60 Staaten waren beteiligt, und schätzungsweise 60 bis 70 Millionen Menschen verloren ihr Leben.
Auch für die Familie Stubbe war der 2. Weltkrieg mit schlimmen Ereignissen verbunden. So fanden 8 Mitglieder der erweiterten Familie den Tod, oder gelten noch immer als vermisst. Der Hof meines Urgroßvaters Bernhard Stubbe an der Zollstraße (Spitze) wurde fast vollständig zerstört.

https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Weltkrieg
Anmerkung des Autors und Seitenbetreibers:
Aktuell befindet sich diese Seite in der Entwicklung und Nachforschung. Ich werde alle neu gewonnenen Erkenntnisse hier fortführend aktualisieren.
siehe hierzu auch: https://www.noz.de/lokales/rhede/artikel/rhede-wer-weiss-mehr-zu-johann-stubbes-kriegsheimkehr-1948-51516503
Der Weg meines Großvaters Johann Stubbe
Dieses Foto zeigt meine Großeltern Johann und Veronika Stubbe.
Als der Zweite Weltkrieg begann, ahnte niemand, welche tiefgreifenden Folgen dieser Krieg für ihre Familie haben würde. Wie Millionen anderer Menschen wurden auch Johann und Veronika Stubbe in Ereignisse hineingezogen, die ihr weiteres Leben nachhaltig prägten.
Während Johann Stubbe als Soldat an der Ostfront eingesetzt war und später in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet, kämpfte seine Familie in der Heimat ums tägliche Überleben. Die Sorge um seinen Verbleib begleitete sie über Jahre hinweg. Gleichzeitig erreichte der Krieg auch das Emsland.
Zwischen dem 15. und 17. April 1945 wurde Rhede (Ems) zum Schauplatz schwerster Kämpfe zwischen deutschen und alliierten Truppen. Innerhalb von nur drei Tagen kamen mehr als 80 Menschen – Soldaten ebenso wie Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder – ums Leben.
Die Zerstörung war verheerend. Rund 90 Prozent des Ortes wurden vernichtet. Damit gehörte Rhede zu den am stärksten zerstörten Gemeinden des Emslandes und zählte auch deutschlandweit zu den Orten mit den höchsten Zerstörungsraten der letzten Kriegswochen. Viele Familien verloren Angehörige, ihre Häuser oder ihre gesamte Existenz.
Für die Familie Stubbe bedeutete das Kriegsende jedoch noch lange keinen Frieden. Während die Heimat in Trümmern lag und der Wiederaufbau begann, befand sich Johann Stubbe weiterhin in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Es folgten mehrere Jahre Zwangsarbeit im oberschlesischen Steinkohlenbergbau, wo er bei einem Grubenunglück schwer verletzt wurde und ein Auge verlor. Erst Anfang 1948 durfte er nach Deutschland zurückkehren.
Seine Heimkehr wurde für Familie und Nachbarschaft zu einem bewegenden Ereignis. Am Bahnhof in Aschendorf wurde Johann Stubbe mit Pferd und Wagen empfangen. Der festlich geschmückte Wagen brachte ihn anschließend auf Neuengland, wo Familie, Freunde und Nachbarn ihn nach Jahren der Ungewissheit endlich wieder in die Arme schließen konnten. Für die kleinen Kinder jedoch, während des Krieges geboren, war er ein fremder Mann, denn sie erkannten ihn nicht. Das war für ihn sehr schmerzlich.
Diese Dokumentation erzählt den Weg meines Großvaters – von seiner Einberufung über seine Einsätze an der Ostfront, seine Verwundungen, die sowjetische Kriegsgefangenschaft und die Zwangsarbeit bis zu seiner Heimkehr. Sie basiert auf Originalunterlagen des Bundesarchivs, des Deutschen Roten Kreuzes, der Arolsen Archives sowie weiterer nationaler und auch internationaler Archive. Ziel ist es, seinen Lebensweg möglichst vollständig und historisch nachvollziehbar zu dokumentieren und zugleich an das Schicksal einer Generation zu erinnern, deren Erlebnisse bis heute nachwirken.



Bilderquelle: Gemeindearchiv Rhede (Ems) Historiker Albert Vinke)
Militärischer Werdegang
Nach dem derzeitigen Forschungsstand diente Johann Stubbe während des Zweiten Weltkriegs nacheinander in folgenden Einheiten:
chronologischer Überblick:
| Jahr | Einheit / Ereignis |
|---|---|
| 1939 | 1. Kompanie Grenzwacht-Regiment 6 (Grenzschutz-Abschnitts-Kommando VI) |
| 1940 | 1. Kompanie Grenzwacht-Regiment 6 (Grenzschutz-Abschnitts-Kommando VI) |
| 1940–1941 | 6. Kompanie Landesschützen-Bataillon 487 |
| 1941 | 1. Kompanie Feld-Ersatz-Bataillon 6 |
| 1941 | 1. Reiter-Schwadron der Aufklärungs-Abteilung 6 |
| 1943 | 1. Schwadron Reiterverband Boeselager |
| 1943 | Fahr-Kolonne 5/6 |
| 1943–1944 | Fahr-Schwadron 1/6 |
| 1944 | 2. Kompanie Feld-Ersatz-Bataillon 6 |
| Januar 1945 | Nach dem derzeitigen Forschungsstand Gefangennahme während der Kämpfe am Weichselbogen |
| 1945–1948 | Sowjetische Kriegsgefangenschaft (durch Unterlagen des Deutschen Roten Kreuzes dokumentiert) |
| 1945–1948 | Zwangsarbeit im oberschlesischen Steinkohlenbergbau; durch Staatsarchiv Polen belegt, genaue Grube Gegenstand laufender Archivforschungen |
| Anfang 1948 | Rückkehr nach Deutschland (durch Unterlagen des Deutschen Roten Kreuzes dokumentiert) |
Quellen: Bundesarchiv (Erkennungsmarkenverzeichnisse und Veränderungsmeldungen der Wehrmacht), Deutsches Rotes Kreuz – Suchdienst sowie weitere nationale und internationale Archivbestände. Die Jahresangaben geben den derzeitigen Forschungsstand wieder und werden bei neuen Archivfunden fortlaufend ergänzt.

Kolorierung – KI-unterstützt
Sein letzter bislang nachgewiesener Dienstgrad war Unteroffizier.
Die Entwicklung dieser Verbände spiegelt zugleich den Wandel der deutschen Wehrmacht an der Ostfront wider. Aus den Reiter-Schwadronen der Infanteriedivisionen entstand im Winter 1942/43 zunächst der Reiterverband Boeselager, aus dem später das Kavallerie-Regiment Mitte hervorging. Johann Stubbes militärischer Werdegang lässt sich eindeutig in diese organisatorische Entwicklung einordnen.
Einsatz an der Ostfront
Die 6. Infanterie-Division gehörte zu den Verbänden der Heeresgruppe Mitte und war an zahlreichen Kämpfen an der Ostfront beteiligt.

Deutsche Artilleriepferde während der Rasputiza an der Ostfront, Frühjahr 1942. Die aufgeweichten Straßen machten den Nachschub und den Transport von Geschützen oft nahezu unmöglich.
Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-289-1091-26 / CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons).
Während der sowjetischen Großoffensive Operation Bagration im Sommer 1944 erlitt die Division schwerste Verluste und wurde nahezu vollständig vernichtet. Anschließend erfolgte ihre Neuaufstellung.

In den letzten Kriegsmonaten kämpfte die Division im Raum südlich von Warschau am Weichselbogen. Während der sowjetischen Weichsel-Oder-Offensive im Januar 1945 brach die deutsche Front zusammen.

Historisch wertvolle Originalquelle
Die Akte des Bundesarchivs (Signatur RW 59/2953) dokumentiert die Kämpfe der 6. Volks-Grenadier-Division im Frühjahr 1945. Sie enthält den Ritterkreuz-Vorschlag für Generalmajor Otto Hermann Brücker mit originale Gefechtskarten sowie zeitgenössische Stellungnahmen der militärischen Führung.
Für diese Website besitzt die Quelle ganz besondere Bedeutung, da Johann Stubbe als Angehöriger der Fahr-Schwadron 1/6 in derselben Division diente. Die Dokumente vermitteln den historischen Rahmen seines Einsatzes während der letzten Kriegsmonate.
Nach dem heutigen Forschungsstand geriet Johann Stubbe in dieser Phase in sowjetische Kriegsgefangenschaft.
Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit
Nach seiner Gefangennahme wurde Johann Stubbe nicht unmittelbar nach Deutschland zurückgeführt.
Stattdessen musste er mehrere Jahre Zwangsarbeit im oberschlesischen Steinkohlenbergbau leisten. Die bisherigen Recherchen sprechen dafür, dass er in einem der großen Kohlengrubenkomplexe im Raum Hindenburg (heute Zabrze)eingesetzt war. Die genaue Grube ist Gegenstand laufender Archivforschungen. Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit sind durch das Polnische Staatsarchiv bestätigt.
Während dieser Zeit erlitt er bei einem schweren Grubenunglück lebensgefährliche Verletzungen. Dabei verlor er ein Auge.
Er wurde vorübergehend in der Lagerküche eingesetzt. O-Ton- dort konnte ich mir mal eine Kartoffelschale in den Mund stecken, „das war lecker“. Er wurde dann nach Hause geschickt, fast blind und unbrauchbar.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gelang es Ärzten einer Hamburger Augenklinik, wenigstens das zweite Auge zu erhalten.
Verwundungen
Aus den Familienüberlieferungen ist bekannt, dass Johann Stubbe während des Krieges durch einen Granatsplitter in der Brust verwundet wurde.
Der Splitter verblieb bis zu seinem natürlichen Tod in seinem Körper.

Verwundetenabzeichen schwarz entnazifiziert, Original im Familienarchiv.
Heimkehr
Nach mehreren Jahren in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit kehrte Johann Stubbe Anfang des Jahres 1948 nach Deutschland zurück auf den Hof seiner Familie.
Zitat:
Er wurde er mit Pferd und Wagen vom Aschendorfer Bahnhof abgeholt und auf Neuengland gebracht. Seine Tochter, meine Tante Lissi (Elisabeth) erkannte ihn nicht, seinen jüngsten Sohn, Onkel Heini hatte er noch nie gesehen. Mein Vater sah einen Mann am Fenster und sagte: Pape kommt…Tante Lissi sagte mal zu ihrer Tochter Moni: „er war für uns ein fremder Mann vor dem wir Angst hatten“. Opa hätte geweint, wegen der ersten Ablehnungen.
Der genaue Verlauf seiner Heimkehr wird derzeit unter anderem durch Recherchen beim Deutschen Roten Kreuz, dem Museum Friedland, dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv (Heimkehrerlager Gronenfelde), dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Polen, dem Landesarchiv Osnabrück sowie weiteren Archiven untersucht.
Das Staatsarchiv Kattowitz, Außenstelle Gleiwitz teilt mit: Seite 170 Archivalien-Einheit Signatur 267 – Kriegsgefangenenlager,
Gefangenenverzeichnisse aus dem Bestand 15/148 Gleiwitzer Vereinigung der Kohlenindustrie Person Nr. 148 Johann Stubbe, geb. 17.01.1914, mein Opa.
Forschung
Die Rekonstruktion seines Lebensweges erfolgt auf Grundlage zahlreicher Originalquellen. Dazu gehören unter anderem:
- Bundesarchiv
- Deutsches Wehrkundearchiv
- Deutsches Rotes Kreuz – Suchdienst
- Arolsen Archives
- National Archives and Records Administration (NARA, USA)
- Institut Pamięci Narodowej (IPN), Polen
- Staatsarchive in Polen
- Staatsarchiv Moskau (GARF)
- Russisches Staatliches Militärarchiv Moskau (RGVA)
- Museum Friedland
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv
- Landesarchiv Osnabrück
- Russisch-Deutsches Projekt zur Digitalisierung
- weitere nationale und internationale Archive
Mehrere Anfragen befinden sich derzeit noch in Bearbeitung. Deshalb wird diese Dokumentation fortlaufend ergänzt und aktualisiert.
Wehrmacht
Gesicherter militärischer Werdegang
- ✅ Grenzwacht-Regiment 6
- ✅ Landesschützen-Bataillon 487
- ✅ Feld-Ersatz-Bataillon 6
- ✅ Aufklärungs-Abteilung 6
- ✅ Reiterverband Boeselager
- ✅ Kavallerie-Regiment Mitte
- ✅ Fahr-Kolonne 5/6
Dienstgrade
- ✅ Obergefreiter (Beförderung am 30.01.1943 – Quelle: Bundesarchiv)
- ✅ Unteroffizier (Quelle: Suchdienst Deutsches Rotes Kreuz)
✅ Auszeichnungen:- Kriegsverdienstkreuz II. Klasse
- Medaille „Winterschlacht im Osten 1941/42“
- Verwundetenabzeichen schwarz: Für den Granatsplitter in Herznähe



Die Originale sind im Familienbesitz
Seinen Überlebensweg im 2. Weltkrieg habe ich hier mit dieser Karte nachgezeichnet. Diese Karte entspricht dem aktuellen Wissensstand und wird ständig aktualisiert.

KI-generiert
Neue Erkenntnisse des DRK-Suchdienstes
Durch die Auskunft des Deutschen Roten Kreuzes – Suchdienst konnte der Zeitraum der sowjetischen Kriegsgefangenschaft sowie die Rückkehr Anfang 1948 weiter abgesichert werden. Die DRK-Unterlagen ergänzen die Erkenntnisse aus den Beständen des Bundesarchivs und bilden eine wesentliche Grundlage für die weitere Rekonstruktion des Lebensweges von Johann Stubbe. Der DRK-Suchdienst stützt sich dabei unter anderem auf Heimkehrerbefragungen sowie auf seit den 1990er Jahren erschlossene russische Archivbestände. Auch die Anfrage beim Polnischen Staatsarchiv bestätigt eindeutig seine Zeit als Kriegsgefangener im Oberschlesischen Bergbau.

Originalbild aus Familienbesitz
Chronik des Militärwegs von Johann Stubbe
Geburtsdatum: 17.01.1914 (Rhede/Ems)
Beruf: Landwirt / Bauer
I. Der Dienst an der Heimatgrenze und im Heimatschutz (1939 – 1941)
Als im Spätsommer 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, stand der am 17. Januar 1914 in Rhede (Ems) geborene Landwirt Johann Stubbe im Alter von 25 Jahren. Aufgrund seiner lokalen Verwurzelung wurde er bei Kriegsausbruch nicht sofort einer Frontdivision zugeteilt, sondern als Hilfsgrenzangestellter und Grenzwächter in der 1. Kompanie des Grenzwacht-Regiments 6 (unterstellt dem Grenzschutz-Abschnitts-Kommando VI) eingesetzt. In dieser klassischen, zu Fuß operierenden Infanterieeinheit rekrutierten sich fast alle Männer aus lokalen Bauern und Angehörigen der regionalen Grenzaufsichtsstellen. Während des sogenannten „Sitzkrieges“ im Winter 1939/40 versah Johann Stubbe im Bezirkszollkommissariat Rhede (Ems) einen militärisch verschärften Sicherungsdienst. In Wehrmachtsuniform kontrollierte er Postenwege und bewacht die Moorgrenzen an der niederländischen Grenze, um Schmuggel und Spionage zu unterbinden.
Mit Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 rückte seine Heimat in das Aufmarschgebiet der Wehrmacht. Stubbes Kompanie sicherte die Grenzübergänge und hielt die Nachschubwege im Raum Rhede/Leer für die vorrückenden Kampfverbände offen. Nach der schnellen Kapitulation der Niederlande verlor der Grenzabschnitt seine Bedeutung. Im Herbst 1940 folgte die Auflösung des Regiments und Johann Stubbe wurde in die 6. Kompanie des Landesschützen-Bataillons 487 überführt. Im Raum Meppen verblieb er im regionalen Heimatschutz und bewachte dort militärische Infrastruktur sowie die ersten eintreffenden Kriegsgefangenen.
II. Der Vorstoß nach Russland und der Aufstieg zur reiterlichen Elite (1941 – 1943)
Da Johann Stubbe als wehrtauglich eingestuft war, endete sein Dienst im Heimatschutz im Frühjahr 1941. Er wurde der 1. Kompanie des Feld-Ersatz-Bataillons 6 zugewiesen. Nach der Gefechtsausbildung für den Bewegungskrieg verlegte er mit der übergeordneten, traditionsreichen westfälischen 6. Infanterie-Division nach Ostpreußen.
Mit dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 stieg Johann Stubbe in eine absolute Elite-Einheit auf: Er wurde in die 1. Reiter-Schwadron der Aufklärungs-Abteilung 6 versetzt. Gemäß alter Kavallerie-Tradition hießen die Kompanien bei den Berittenen offiziell Schwadronen und wurden von einem Rittmeister geführt. Diese Truppe bildete das „Auge und Ohr“ des Divisionskommandeurs und operierte stets kilometerweit vor der eigentlichen Frontlinie. Die Pferde dienten dabei ausschließlich der extremen Beweglichkeit im weglosen russischen Gelände; stieß man auf den Feind, saßen die Reiter ab und kämpften zu Fuß. Der Vormarsch im Sommer 1941 führte Johann Stubbe durch das Baltikum und Weißrussland in den dramatischen Sturm auf Moskau (Unternehmen Taifun). Im Spätherbst 1941 stand seine Schwadron an der Spitze des Vormarsches bei Kalinin und Klin. Aus dieser Zeit stammte eine seiner tiefsten Erinnerungen: In eiskalten, kristallklaren Winternächten konnte er am Horizont die Türme von Moskau sehen, bevor die Front bei bis zu -40 °C im sowjetischen Gegenangriff einfror. Für den erbitterten Einsatz in dieser Hölle wurde ihm im Sommer 1942 die Medaille Winterschlacht im Osten 1941/42 („Gefrierfleischorden“) verliehen. Briefe in die Heimat trugen zu dieser Zeit die Feldpostnummer 01368.
Das Jahr 1942 forderte alles von den Reitern. In den mörderischen Stellungsschlachten, dem sogenannten „Fleischwolf von Rschew“, wurde die Aufklärungs-Abteilung 6 als hochmobile Reserve immer wieder in die tiefsten Einbruchstellen feindlichen Trommelfeuers geworfen. Da die Truppe enorm ausblutete, bündelte das Oberkommando der Heeresgruppe Mitte im Januar 1943 die Reste der berittenen Aufklärer zum legendären Reiterverband Boeselager, benannt nach Stubbes früherem Schwadronchef Georg Freiherr von Boeselager. Johann Stubbe gehörte als Mann der ersten Stunde zur absoluten Stammbesetzung dieses Eliteverbandes (dem späteren Kavallerie-Regiment Mitte). Diese Verbände waren keine reinen Aufklärer mehr, sondern eine schwer bewaffnete, taktische Elite-Feuerwehr mit enormer Feuerkraft. In diesen brutalen Kämpfen (Spätjahr 1942/Anfang 1943) erlitt Johann Stubbe durch eine Granat- oder Mörserdetonation eine lebensgefährliche Verwundung durch einen Granatsplitter in Herznähe. Er überlebte wie durch ein Wunder, war jedoch für den extremen Dienst im vordersten Graben der Boeselager-Reiter körperlich nicht mehr voll tauglich.
III. Gefährlicher Nachschub im Schlamm und der letzte Kampf (1943 – 1945)
Aufgrund seiner Herzwunde wurde der erfahrene Obergefreite zu den Nachschubdiensten der Division überwiesen und kam zur 1. Fahr-Schwadron / Nachschubdienste 6 (zuvor kurzzeitig als Fahr-Kolonne 5/6bezeichnet). Auch hier blieb man bei der Bezeichnung Schwadron. Diese bespannte Einheit bestand aus Hunderten Pferden und den schweren, robusten Heeresfeldwagen (Typ Hf. 1 und Hf. 2).
siehe Bild

Da die Division 1943 im Raum Orel, beim Kursker Bogen und während des Rückzugs zum Dnepr kaum noch LKWs oder Benzin besaß, hing die gesamte Lebensader der kämpfenden Truppe an Johann Stubbe und seinen Gespannen. Er musste die tonnenschweren Munitions- und Verpflegungswagen nächtelang durch den tiefen russischen Schlamm (Rasputiza) an die Hauptkampflinie lenken – stets unter der Gefahr von sowjetischen Kampffliegern und Partisanenüberfällen.
Für diese fortgesetzte, außergewöhnliche Pflichterfüllung unter feindlicher Waffenwirkung wurde Johann Stubbe am 20. April 1944 das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern verliehen. Die amtliche Original-Verleihungsliste des Heerespersonalamtes (Signatur BArch RH 7 / 151) dokumentiert dieses Ereignis unter der Lfd. Nr. 344 bis 376 auf Seite 268 lückenlos. Auf dem Dokument steht Johann Stubbe unter der Position 355 als Obergefreiter der Fahrschw. 1/6 eingetragen. Die Urkunde trug sehr wahrscheinlich die Unterschrift des Divisionskommandeurs Generalleutnant Horst Großmann.
Nur zwei Monate später, im Juni 1944, wurde die Heeresgruppe Mitte in der sowjetischen Großoffensive „Operation Bagration“ vollständig aufgerieben und zerschlagen. Die 6. Infanterie-Division ging im Kessel von Bobruisk vollständig unter. Johann Stubbe gehörte zu den wenigen Überlebenden, die sich nach Westen durchschlagen konnten. Im Zuge der anschließenden Neuaufstellung der Division im Warthelager wurde er aufgrund seiner enormen Einsatzerfahrung zum Unteroffizier befördert. In der 2. Kompanie des Feld-Ersatz-Bataillons 6 bildete er als mittlerweile geschätzter Veteran im Emsland-Stab der Division junge Rekruten aus. Bereits ab Januar 1944 war er parallel fest im Kommandobereich der neu formierten Kampfeinheit Brücker, (benannt nach Generalleutnant Otto-Hermann Brücker) gemeldet. Im Spätherbst 1944 verlegte er als Gruppenführer – nun verantwortlich für 8 bis 12 meist sehr junge Soldaten – an die Weichselfront im Warka-Brückenkopf (Polen). Als dort am 12. Januar 1945 die sowjetische Winteroffensive losbrach, wurde seine Kampfeinheit im massiven Ansturm überrollt. Johann Stubbe führte seine verbliebenen Männer in wochenlangen, extrem verlustreichen Rückzugskämpfen über Schlesien bis nach Böhmen zurück.
IV. Die Tragödie in Oberschlesien und die Heimkehr (1945 – 1948)
Der militärische Weg von Unteroffizier Johann Stubbe endete am 5. Mai 1945 in „Schechhei“ (Tschechien). An diesem Tag brach der Prager Aufstand aus. Da tschechische Partisanen die Fluchtwege nach Westen blockierten und die Rote Armee von Osten nachdrängte, geriet er im Raum Prag in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sämtliche Auszeichnungen – darunter das KVK und die Ostmedaille – sowie seine Papiere wurden ihm von den sowjetischen Soldaten abgenommen. Der Dienstgrad Unteroffizier wurde jedoch vom sowjetischen GUPVI-Lagersystem penibel auf seiner russischen Gefangenenkarte eingetragen und später vom DRK-Suchdienst offiziell bestätigt.
Das bitterste Kapitel folgte nach dem Krieg: Johann Stubbe wurde von den Sowjets nicht nach Russland, sondern in die besetzten ehemals deutschen Ostgebiete nach Polen (Oberschlesien) deportiert. In den dortigen GUPVI-Arbeitslagern (Lagerkomplex 222 oder 454) wurde er zur Zwangsarbeit unter Tage im Steinkohlebergbau eingesetzt. Die Sicherheitsstandards unter sowjetisch-polnischer Leitung waren katastrophal. Unter Tage kam es zu einer verheerenden Gas- und Schlagwetterexplosion. Johann Stubbe überlebte die Hölle der Detonation zwar, verlor jedoch durch die enorme Hitzewelle und die giftigen Gase fast vollständig sein Augenlicht.
Da er fast vollständig erblindet für das sowjetische Arbeitssystem dauerhaft unbrauchbar geworden war, wurde er im Laufe des Jahres 1948 vorzeitig entlassen. Er passierte wahrscheinlich das Heimkehrerlager Gronenfelde bei Frankfurt (Oder) sowie das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen. Im Jahr 1948 kehrte Johann Stubbe auf den Bauernhof nach Rhede (Ems)zurück. Im Jahr 1961 führte er über das Versorgungsamt Osnabrück unter dem Aktenzeichen A-35/12/124976 ein offizielles Verfahren zur Anerkennung seiner Kriegsleiden, welches bis heute die Spuren dieses außergewöhnlichen und opferreichen Soldatenschicksals in den Archiven bewahrt.
V. Ordensregister & Archivischer Forschungsstand
Erhaltene Auszeichnungen
- Medaille „Winterschlacht im Osten 1941/42“ (Ostmedaille): Verliehen im Sommer 1942 für den extremen Einsatz im mörderischen Rekordwinter vor Moskau bei der Aufklärungs-Abteilung 6.
- Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern (KVK): Verliehen im Jahr 1943 bei der Fahr-Schwadron 1/6 für besonderen Mut und Pflichterfüllung unter feindlichem Artillerie- und Luftbeschuss während der Nachschubfahrten.
- Hinweis zum Verwundetenabzeichen: Für den Granatsplitter in Herznähe stand ihm rechtlich das Verwundetenabzeichen in schwarz zu. Im späten Kriegschaos wurde die Urkunde jedoch vermutlich nicht mehr bis zur Heimat ausgefertigt.
- Die Urkunden trugen damals sehr wahrscheinlich die Unterschrift von Generalleutnant Horst Großmann.
Militärhistorisches Beiblatt zur Chronik Johann Stubbe
Struktur, Taktik und Ausrüstung der Formationen (1939–1945)
1. Das Grenzwacht-Regiment 6 (1939–1940)
- Die Funktion: Grenzwacht-Regimenter waren keine regulären Verbände der vordersten Front, sondern defensive Sicherungseinheiten der Wehrmacht für die Landesgrenzen.
- Die Struktur (Kompanie vs. Schwadron): Im Grenzwacht-Regiment 6 war Johann Stubbe in der 1. Kompanie. Der Begriff Kompanie bezeichnete hier eine klassische, zu Fuß operierende Infanterie-Einheit (ca. 150 bis 200 Mann).
- Das Personal: Die Einheiten rekrutierten sich fast vollständig aus Reservisten der Region – darunter lokalen Bauern wie Johann Stubbe und Beamten des Zollstocks (Grenzaufsichtsstellen).
- Der Auftrag: Im Raum Rhede sicherten sie Postenwege und Moorgrenzen. Ihre Ausrüstung war leicht (Karabiner K98k, wenige leichte Maschinengewehre), da sie primär für den Wach- und Kontrolldienst ausgelegt waren.
2. Die 1. Reiter-Schwadron / Aufklärungs-Abteilung 6 (1941–1942)
Mit dem Wechsel in diese Einheit im Jahr 1941 stieg Johann Stubbe in eine absolute Elite-Einheit auf.
- Der Begriff „Schwadron“: Im Gegensatz zur Infanterie (die in Kompanien unterteilt war) nutzten die berittenen Truppen (Kavallerie und Aufklärer) aus Tradition die Begriffe der alten Kavallerie. Eine Schwadron entspricht exakt einer Kompanie (ca. 150 bis 180 Reiter), wurde jedoch von einem Schwadronchef (meist im Rang eines Rittmeisters statt eines Hauptmanns) geführt.
- Die taktische Rolle: Aufklärungs-Abteilungen waren die „Augen und Ohren“ einer Infanterie-Division. Die 1. Reiter-Schwadron operierte kilometerweit vor der eigenen Division. Ihre Aufgabe war es, feindliche Stellungen auszukundschaften, Marschwege zu sichern und Brücken im Handstreich zu nehmen.
- Das Pferd als Waffe: Die Soldaten nutzten die Pferde für extreme Beweglichkeit im unwegsamen russischen Gelände. Gefeuert wurde jedoch fast nie vom Pferderücken aus: Erreichte die Schwadron den Feind, saßen die Reiter ab und kämpften wie klassische Infanteristen zu Fuß.
3. Die Elite-Einheit: Der Reiterverband Boeselager (ab Januar 1943)
Im Januar 1943 wurde Johann Stubbes Schwadron direkt in den neu gegründeten Reiterverband Boeselager überführt. Dies war eine der berühmtesten und renommiertesten Elite-Formationen der deutschen Wehrmacht.
- Die Entstehung: Benannt nach Schwadronchef Georg Freiherr von Boeselager, bündelte dieser Verband die kampferprobtesten Reiter-Schwadronen der Heeresgruppe Mitte. Johann Stubbe gehörte als Soldat der ersten Stunde zur absoluten Stammbesetzung dieser Eliteeinheit.
- Die Taktik der „Feuerwehr“: Der Verband war keine normale Aufklärungseinheit mehr. Boeselagers Reiter wurden als hochmobile, extrem kampfstarke Reserve direkt dem Oberkommando unterstellt. Drohte die Front unter dem Trommelfeuer der Roten Armee einzubrechen, wurde der Reiterverband hineingeworfen, um den Durchbruch im Gegenangriff zu stoppen.
- Die enorme Feuerkraft: Obwohl sie weiterhin beritten waren, besaßen diese Schwadronen eine Waffenwirkung, die normale Einheiten weit übertraf. Sie waren mit massenhaft automatischen Waffen, Granatwerfern und Panzerabwehrkanonen (Pak) ausgerüstet. Später erhielten sie als eine der ersten Einheiten der Wehrmacht das revolutionäre Sturmgewehr 44. In diesem extremen Granathagel erlitt Johann Stubbe seine schwere Verwundung in Herznähe.
4. Die Fahr-Schwadron 1/6 (1943)
Nach seiner schweren Verwundung wurde Johann Stubbe zu den Nachschubdiensten (Logistik) der 6. Infanterie-Division versetzt. Auch hier spiegelte sich die Kavallerie-Tradition im Namen Fahr-Schwadron wieder.
- Aufbau und Ausrüstung: Eine Fahr-Schwadron war eine rein pferdebespannte Transporteinheit. Sie bestand aus rund 150 bis 200 Soldaten, die als Nachschub-Unteroffiziere und Fahrer eingesetzt waren. Das Herzstück der Schwadron bildeten Hunderte von Pferden und die schweren Heeresfeldwagen (Typ Hf. 1 und Hf. 2). Dies waren extrem robuste, zwei- vierspännig gezogene Holzwagen mit Stahlspeichenrädern und Planenverdeck.
- Die logistische Last: Da die Division 1943 kaum noch LKWs oder Treibstoff besaß, ruhte das gesamte Überleben der kämpfenden Truppe auf den Schultern dieser bespannten Schwadronen. Johann Stubbe trug als Unteroffizier die Verantwortung dafür, dass diese Wagenladungen tonnenweise Munition, Granaten, Verpflegung und Baumaterial durch den tiefen russischen Schlamm (Rasputiza) an die vorderste Frontlinie gelangten. Es war ein logistischer Kraftakt unter permanentem Beschuss, für den er das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern erhielt.
5. Die Kampfeinheit Brücker (1944–1945)
Mit dem Eintritt in diesen Verband wechselte Johann Stubbes Rolle erneut grundlegend. Er wechselte vom rückwärtigen Logistiker zurück zum taktischen Truppenführer im vordersten Graben.
- Die Entstehung und der Begriff „Kampfeinheit“: In der Spätphase des Krieges ab 1944 waren Wehrmachtdivisionen oft so stark personell geschwächt, dass sie keine reguläre, starre Regimentsstruktur mehr aufrechterhalten konnten. Divisionskommandeure bildeten aus den verbliebenen Resten, Trossen und dem unentbehrlichen Feld-Ersatz-Bataillon hochflexible Alarmeinheiten. Die Kampfeinheit Brücker wurde direkt nach ihrem Kommandeur, Generalleutnant Otto-Hermann Brücker, benannt und stellte die direkte, mobile Kampfreserve des Divisionsstabs dar.
- Die personelle Rolle als Unteroffizier: Als erfahrener Frontveteran wurde Johann Stubbe im Zuge der Formierung dieser Kampfeinheit zum Unteroffizier befördert. Er agierte nun als Gruppenführer – die taktisch wichtigste Führungsposition an der Front. Er trug die direkte Verantwortung für das Überleben und den Kampfeinsatz einer Gruppe von etwa 8 bis 12 meist sehr jungen, im Warthelager im Emsland-Stab im Eiltempo ausgebildeten Rekruten.
- Taktischer Auftrag und Ausrüstung: Die Kampfeinheit Brücker war als sogenannte Volks-Grenadier-Formation für die reine, verbissene Abwehr optimiert. Die Ausrüstung spiegelte den Versuch wider, mangelnde Personalstärke durch extreme Nahbereichs-Feuerkraft auszugleichen. Johann Stubbes Gruppe war flächendeckend mit den hocheffektiven Sturmgewehren 44 (StG 44), Maschinenpistolen sowie einer enormen Anzahl an Panzerfäusten zur Nahbereichs-Panzerabwehr ausgestattet. Ihr Auftrag im Warka-Brückenkopf an der Weichsel bestand darin, vorderste Grabenlinien bei feindlichen Durchbrüchen im mörderischen Nahkampf abzuriegeln.
Erkennungsmarkennummer
Die exakte Markenbeschriftung (Mobilmachungsprägung)
Da Johann Stubbe im September 1939 als einheimischer Landwirt direkt im Grenzraum zur 1. Kompanie des Grenzwacht-Regiments 6 eingezogen wurde, trug er eine Marke mit der originalen Mobilmachungsprägung dieser Einheit.
Die Marke war im Original exakt wie folgt in das Zink- oder Aluminiumblech eingestempelt:
1. Kp. Grzw. Rgt. 6
(Alternativ: 1. Kp. Grz. W. Regt. 6)
Darüber befand sich seine individuelle Stammrollen-Nummer (eine fortlaufende Zahl, vermutlich zwischen 1 und 250, da er Soldat der ersten Stunde in dieser Kompanie war) sowie seine Blutgruppe (A, B, AB oder 0).
2. Warum er diese Marke bis zum Kriegsende behielt
Die Dokumente aus dem Bundesarchiv beweisen, dass diese Erkennungsmarkennummer seine lebenslange militärische Kennung blieb:
- Das Wehrmacht-System: Ein Soldat behielt die Erkennungsmarke seiner ersten Ausbildungseinheit bzw. der Einheit, die ihm bei der Mobilmachung die Marke ausgab, in der Regel während des gesamten Krieges.
- Der Beweis auf der Karteikarte: Auf seiner Wehrmachtskartei ist er noch 1944 bei der Fahr-Schwadron 1/6 unter genau dieser Einheit registriert. Das bedeutet: Obwohl er zu den Boeselager-Reitern, den Fahrkolonnen und schließlich zur Kampfeinheit Brücker versetzt wurde, wurde er in den Lazarett- und Verlustmeldungen immer mit der Erkennungsmarke 1. Kp. Grzw. Rgt. 6 geführt.
Hintergrund zu den Einheiten:
Aufklärungs-Abteilung 6 / Reiterverband Boeselager
- Der Auftrag: Der Reiterverband Boeselager und die 1. Reiter-Schwadron waren primär hochmobile, taktische Kampfverbände der regulären Wehrmacht.
Georg Freiherr von Boeselager stand im inneren Konflikt. Zeitzeugenberichte (u. a. von seinem Bruder Philipp von Boeselager) belegen, dass die Brüder das brutale Vorgehen von SD, SS und radikalen Teilen der Wehrmachtführung gegen die Zivilbevölkerung und die systematische Vernichtung der Juden im Osten zutiefst verabscheuten und meldeten. Boeselager forderte intern eine politische Lösung statt eines rassenideologischen Vernichtungskrieges. Genau dieser Ekel vor den Verbrechen führte die Boeselager-Brüder in den innersten Kreis des Widerstands um Graf Stauffenberg, um Hitler zu beseitigen. Für Johann Stubbe bedeutet das: Da er als Obergefreiter der 1. Reiter-Schwadron diente, lag sein Alltag im regulären Aufklärungsdienst.
„Ein historisch hochdramatisches Kapitel verbindet Johann Stubbes Einheit mit dem militärischen Widerstand: Seine direkten Vorgesetzten, die Brüder Georg und Philipp von Boeselager, gehörten zum innersten Verschwörungskreis um Graf Stauffenberg. Im Juli 1944 wurde Johann Stubbes alte Reiter-Schwadron im Rahmen des Attentats vom 20. Juli heimlich im Gewaltmarsch nach Westen verlegt. Der geheime Plan sah vor, dass die Reiter nach dem Tod Hitlers nach Berlin fliegen sollten, um dort die SS-Zentrale zu besetzen. Mit 1200 Reitern machte er sich von der Ostfront auf den Weg nach Berlin. Da das Attentat scheiterte, ließ er die Truppe in letzter Sekunde unbemerkt umkehren, wodurch die Beteiligung der Schwadron bis Kriegsende vor der Gestapo verborgen blieb.“ Der Satz „Alles zurück in die alten Löcher“ (oder auch kurz „Alles in die alten Löcher“) war der Code, der von Boeselager mitteilte, dass das Attentat gescheitert ist. Er entging der Hinrichtungswelle gegen die an dem Attentat beteiligten Verschwörer nur, weil trotz Folter niemand aus der Gruppe seinen Namen preisgab und er so bis Ende des Zweiten Weltkriegs unentdeckt blieb.
Die Kampfeinheit Brücker ,
war eine reine Alarm- und Grenadierformation, die ab Ende 1944 in der reinen, verzweifelten Defensive am Warka-Brückenkopf stand, um das nackte Überleben an der Front im sowjetischen Großangriff zu sichern.
Fazit: Johann Stubbe diente in einer hochdekorierten Fronteinheit (Boeselager), deren Führung das Unrechtsregime Hitlers aktiv stürzen wollte. Johann Stubbes persönlicher Lebensweg – geprägt von schweren Kämpfen an der Front zeigt ihn primär als Soldaten, der im Mahlwerk dieses Krieges um sein eigenes Überleben und das seiner Kameraden kämpfte.
„Aus seiner Zeit als berittener Aufklärer ist eine dramatische Episode überliefert, die den riskanten Alltag der Truppe verdeutlicht: Bei einem Zusammenbruch des Telefon- und Funknetzes wurde Johann Stubbe als einzelner Meldereiter ausgewählt, um eine strategisch überlebenswichtige Nachricht zu übermitteln. Um zu verhindern, dass der Befehl bei einem Partisanenhinterhalt in Feindeshand gerät, musste er die Mitteilung vor den Augen seines Vorgesetzten mehrfach durchlesen, auswendig lernen und den Zettel anschließend aufessen. Völlig auf sich allein gestellt schlug er sich daraufhin durch unwegsames, feindliches Gebiet zu den abgeschnittenen Verbänden durch.“
Epilog: Das historische Umfeld und die moralische Spaltung der Führung
Das Schicksal von Unteroffizier Johann Stubbe steht exemplarisch für die Tragik einer ganzen Generation einfacher Frontsoldaten. Als gläubiger Katholik & Landwirt aus dem Emsland tat er pflichtbewusst Dienst in vorderster Linie und im lebensgefährlichen Nachschub. Das monströse, bürokratische Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen im Hinterland, den Holocaust und die Existenz der Vernichtungslager erfuhr und begriff er – wie die absolute Mehrheit seiner Kameraden im Graben – erst nach dem Krieg durch die alliierten Dokumentarfilme der Nachkriegszeit.
An der Front erlebte Johann Stubbe in den Reihen seiner höchsten Vorgesetzten die tiefe moralische Zerrissenheit der deutschen Generalität. Er diente direkt unter den zwei extremen Gegenpolen der damaligen Wehrmachtführung:
1. Die Widerstandskämpfer aus Gewissensnot: Die Brüder von Boeselager
Auf der einen Seite standen seine frühen Chefs in der Aufklärungs-Abteilung 6, die Brüder Georg und Philipp von Boeselager. Sie stammten aus einem tief katholischen Elternhaus und waren von den im Hinterland der Heeresgruppe Mitte beobachteten Gräueltaten der SS und der Einsatzgruppen zutiefst angewidert. Für sie war der Punkt erreicht, an dem der soldatische Gehorsam vor dem eigenen Gewissen weichen musste. Sie handelten aktiv, riskierten ihr Leben im innersten Kreis um Graf Stauffenberg und wählten Johann Stubbes alte Reiter-Schwadron im Juli 1944 als bewaffnete Speerspitze für den Staatsstreich aus. Die Boeselagers brachen mit dem Eid, um das Morden zu beenden und Deutschland vor dem Untergang zu retten.
2. Der unpolitische Pflichterfüller: Generalleutnant Otto-Hermann Brücker
Auf der anderen Seite stand sein letzter Divisionskommandeur, Generalleutnant Otto-Hermann Brücker. Er war kein ideologischer Fanatiker oder Kriegsverbrecher; in den Akten seiner Division sind keine systematischen Gräueltaten dokumentiert. Brücker verkörperte das klassische, preußisch-deutsche Berufsoffizierskorps: Er verstand sich als „unpolitischen Soldaten“, der das mörderische Unrechtsregime im fernen Berlin und im rückwärtigen Raum schlicht ausblendete. Seine Welt bestand rein aus dem militärischen Handwerk, dem verbissenen Halten der zugewiesenen Frontlinien an der Weichsel und der soldatischen Treue gegenüber seinen ihm anvertrauten Männern. Durch diesen bedingungslosen, unpolitischen Gehorsam stützte er das System jedoch bis zur endgültigen Kapitulation am 5. Mai 1945 in Prag und verlängerte damit ungewollt das Leiden an der Front.
Das bleibende Vermächtnis
Unteroffizier Johann Stubbe bewegte sich zwischen diesen beiden Welten. Er überlebte den mörderischen Dienst im Trommelfeuer der Boeselager-Reiter, die gefährlichen Fahrten der Fahr-Schwadron und den Endkampf unter General Brücker. Sein persönlicher Opferweg endete nicht mit dem Waffenstillstand, sondern fand seine tragische Fortsetzung in der Zwangsarbeit im oberschlesischen Steinkohlebergbau, wo er durch ein katastrophales Gasunglück fast sein Augenlicht verlor.
Zurückgekehrt nach Rhede (Ems), trug er die physischen und mentalen Narben dieses gewaltigen Weltkrieges zeitlebens im Körper. Noch viele Jahre nach dem Krieg war er geplagt von Albträumen und schreckte nachts, davon gequält hoch. Dann stand er auf, ging in den Stall zu seinem Vieh, rauchte dort ein paar Zigaretten und trank einen Korn um die bösen Geister zu vertreiben und wieder Ruhe zu finden.
Diese Chronik bewahrt das Andenken an einen Mann, der wie Millionen andere in das Mahlwerk der Weltgeschichte gerissen wurde und trotz schwerster Schläge seine Würde, seine Ehre und die Heimatverbundenheit behielt.
