Alltag während des Krieges

Geschichte besteht nicht nur aus großen Ereignissen. Oft sind es die kleinen Dinge des Alltags, die uns das Leben vergangener Generationen besonders nahebringen. Die hier gezeigten Originalobjekte vermitteln einen authentischen Einblick in den Alltag von Soldaten und ihren Familien während des Zweiten Weltkriegs – an der Front und in der Heimat.


HASSIA-Taschenlampe – persönliches Erinnerungsstück aus dem Zweiten Weltkrieg

Diese HASSIA-Taschenlampe stammt aus persönlichen Familienbesitz.

Die Taschenlampe wurde von der Metallwarenfabrik Peter Schlesinger in Offenbach am Main unter der Marke HASSIA hergestellt. Ein vergleichbares HASSIA-Modell ist im TECHNOSEUM Mannheim als Taschenlampe des Herstellers Peter Schlesinger aus dem Zeitraum 1930–1940 dokumentiert. 

Die robuste Metallausführung, die feldgraue Lackierung, die Lederlasche und die besondere Lichtabdeckung entsprechen der Bauart von Taschen- bzw. Signal­lampen, wie sie bei der Wehrmacht verwendet wurden. Solche Lampen ermöglichten es, bei Dunkelheit Licht gezielt abzuschirmen und beispielsweise bei der Orientierung oder beim Lesen von Karten möglichst wenig sichtbares Licht abzugeben. HASSIA-Taschenlampen dieser Art werden in der einschlägigen historischen Militaria-Dokumentation ausdrücklich als Wehrmachtsausrüstung geführt.


Alltag während des Krieges

Während mein Opa Johann Stubbe fern der Heimat seinen Dienst an der Front versah, versuchte die Familie auf dem Hof den Alltag zu bewältigen. Ein Los, eine Dose Scho-ka-kola oder ein kleines Geduldsspiel mögen heute unbedeutend wirken. Damals standen sie für Hoffnung, Ablenkung und den Wunsch nach einer besseren Zukunft.

November 1941. Opa ist als Soldat fern der Heimat an der Front. Aber auf dem Hof im Emsland gehen die Arbeiten und das Leben weiter. Oma lebt in ständiger Sorge um die Zukunft, mit knappen Lebensmitteln und der täglichen Ungewissheit ob Opa wohl wieder heim kommt. Die Verantwortung für 6 Kinder ist groß. Jeder Brief von der Front wird sehnsüchtig erwartet.

In dieser Zeit gelangen Reichslotterie-Prämienlose in Umlauf. Der Hauptgewinn von 16.000 Reichsmark entspricht für eine Bauernfamilie einem Vermögen. Vielleicht hätte ein solcher Gewinn den Hof sichern, Schulden begleichen oder den Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen können.

Dieses Original aus dem November 1941 erinnert an die Hoffnungen vieler Familien, deren Männer fern der Heimat im Krieg standen. Während an der Front um das tägliche Überleben gekämpft wurde, hofften die Angehörigen zu Hause auf bessere Zeiten – manchmal auch mit einem kleinen Stück Papier wie diesem.

🎟️ Objekt

📅 Zeitstellung

🧱 Material

🎯 Verwendung

📏 Abmessungen

📖 Historischer Hintergrund

👨‍🌾 Bezug zur Familiengeschichte

🏠 Sammlung

Reichslotterie-Prämienlos

November 1941

Bedrucktes Papier

Das Prämienlos berechtigte zur Teilnahme an einer Ziehung der Reichslotterie. Für viele Menschen war es weit mehr als nur ein Los – es verkörperte die Hoffnung auf einen Geldgewinn, der in wirtschaftlich schwierigen Zeiten das Leben einer Familie entscheidend hätte verändern können.

ca. 10 × 7 cm

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Reichslotterien regelmäßig veranstaltet. Trotz der Belastungen des Krieges nahmen viele Menschen daran teil, in der Hoffnung auf ein besseres Leben oder finanzielle Sicherheit. Das Los ist heute ein zeitgeschichtliches Dokument und vermittelt einen Einblick in den Alltag und die Hoffnungen der Bevölkerung während der Kriegsjahre.

Ob die Familie Stubbe jemals selbst ein solches Los besaß, ist nicht überliefert. Das hier gezeigte Original erinnert jedoch daran, dass während Johann Stubbe als Soldat fern der Heimat seinen Dienst versah, seine Familie wie viele andere Menschen mit den Sorgen des Alltags lebte und auf bessere Zeiten hoffte.

Familie Stubbe – Original aus Privatbesitz


Köpfchen – Das kleine Spiel gegen das große Warten

🏛 Objekt

📅 Zeitstellung

🧱 Material

📏 Abmessungen

🎯 Verwendung

📖 Historischer Hintergrund

👨‍🌾 Bezug zur Familiengeschichte

🏠 Sammlung

Geduldsspiel „Köpfchen!“

um 1941

Bedruckter Karton, Holzstäbchen

ca. 6 × 6 cm (Schachtel)

Das handliche Geduldsspiel passte in jede Uniform- oder Manteltasche und bot eine einfache Möglichkeit, Wartezeiten zu überbrücken. Die Aufgaben förderten logisches Denken, Konzentration und Geschicklichkeit.

Während des Zweiten Weltkriegs gehörten kleine Taschenspiele, Kartenspiele und Rätselhefte zu den wenigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. In ruhigen Stunden oder während längerer Wartezeiten boten sie Ablenkung vom belastenden Kriegsalltag.

Ob Opa selbst ein solches Spiel besaß, ist nicht überliefert aber er liebte dieses Spiel.

Familie Stubbe – Original aus Privatbesitz


Wenn der Krieg für einen Moment stillstand

Der Alltag eines Soldaten bestand nicht nur aus Märschen, Gefechten oder Alarm. Dazwischen lagen oft lange Stunden des Wartens – in Unterkünften, auf Bahnhöfen, in Feldlagern oder während des Transports an die Front.

Gerade in diesen Momenten wurden kleine Alltagsgegenstände zu wertvollen Begleitern. Ein Kartenspiel, ein Taschenbuch oder ein kleines Geduldsspiel konnten helfen, die Gedanken für kurze Zeit von den Sorgen des Krieges abzulenken.

Das hier gezeigte Originalspiel „Köpfchen“ stammt aus dem Jahr 1941. Es war so klein gestaltet, dass es problemlos in die Uniformtasche passte. Die Schachtel enthält 47 Legeaufgaben mit Lösungen sowie eine Reihe schmaler Holzstäbchen, aus denen die verschiedenen Figuren gelegt werden.

Die Spielidee

Die Regeln sind denkbar einfach.

Mit den beiliegenden Holzstäbchen wird zunächst eine vorgegebene Figur gelegt. Anschließend erhält der Spieler eine Aufgabe.

Zum Beispiel:

  • Entferne zwei Stäbchen, sodass drei gleiche Quadrate entstehen.
  • Lege ein Stäbchen um und bilde vier Dreiecke.
  • Verändere die Figur so, dass nur noch zwei Rechtecke sichtbar sind.
  • Entferne drei Stäbchen und lasse fünf gleich große Felder entstehen.

Die Lösungen befinden sich jeweils im kleinen Begleitheft.

Was heute wie ein einfaches Rätsel erscheint, verlangte Konzentration, räumliches Denken und etwas Geduld – Eigenschaften, die dem Spiel seinen Namen gaben:

„Köpfchen!“

Ein Beispiel

Stellen wir uns eine einfache Figur aus zwölf Holzstäbchen vor, die vier kleine Quadrate bildet.

Die Aufgabe lautet:

„Nehmen Sie zwei Stäbchen weg, so dass genau zwei Quadrate übrig bleiben.“

Der Spieler betrachtet die Figur, probiert verschiedene Möglichkeiten aus und kontrolliert anschließend seine Lösung im Begleitheft.

Es geht dabei weniger um Geschwindigkeit als um logisches Denken.

Gerade deshalb eignete sich das Spiel hervorragend für ruhige Stunden.

Mehr als nur ein Spiel

Für einen einfachen Soldaten bedeutete ein solches Spiel wahrscheinlich weit mehr als bloße Unterhaltung.

Vielleicht wurde gemeinsam mit Kameraden gerätselt.

Vielleicht wanderte die kleine Schachtel von Hand zu Hand.

Vielleicht half sie, einen verregneten Nachmittag oder eine lange Bahnfahrt zu überbrücken.

In einer Zeit, in der es weder Radio für jeden noch andere Unterhaltungsmöglichkeiten gab, konnte ein unscheinbares Spiel wie „Köpfchen“ für einige Minuten Normalität sorgen.

Ein kleines Stück Alltag

Heute wirkt die kleine Schachtel fast unscheinbar.

Doch gerade solche Gegenstände erzählen Geschichte auf besondere Weise.

Sie berichten nicht von Schlachten oder militärischen Erfolgen, sondern vom Alltag der Menschen, die den Krieg erleben mussten. Von den Momenten des Wartens. Vom Wunsch nach Ablenkung. Und davon, dass selbst unter schwierigsten Bedingungen das Bedürfnis nach Spiel, Gemeinschaft und einem kurzen Lächeln bestehen blieb.


Scho-Ka-Kola – Ein Stück Soldatenalltag

Die koffeinhaltige Schokolade Scho-Ka-Kola gehörte zu den bekanntesten Verpflegungsartikeln der Wehrmacht. Durch Kaffee und Kolanuss half sie, Müdigkeit für kurze Zeit zu überwinden. Besonders an der Ostfront, bei langen Märschen, Nachtoperationen und während des Russlandfeldzuges wurde sie in großen Mengen ausgegeben und geschätzt.

Auch mein Großvater Johann Stubbe kämpfte an der Ostfront. Ob genau diese Dose ihn begleitet hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Sie steht jedoch stellvertretend für einen kleinen Gegenstand, den unzählige Soldaten mit ihrem Alltag an der Front verbanden.

„Manche Erinnerungen brauchen keine Worte. Man erkennt sie an einem Blick auf einen kleinen Gegenstand aus einer längst vergangenen Zeit.“

🍫 Objekt

📅 Zeitstellung

🧱 Material

📏 Abmessungen

🎯 Verwendung

📖 Historischer Hintergrund

👨‍🌾 Bezug zur Familiengeschichte

Scho-ka-kola – Runddose

1941

Bedruckte Blechdose, Schokolade, Zutaten: Kakaomasse, Zucker, Kakaobutter, 2,6% Kaffee, VOLLMILCHPULVER, 1,6% Kolanusspulver

Ø ca. 10 cm

Scho-ka-kola war eine koffeinhaltige Schokolade, die zur kurzfristigen Steigerung der Wachsamkeit und Konzentration entwickelt wurde. Sie wurde sowohl im zivilen Bereich als auch von Soldaten geschätzt und eignete sich durch ihre handliche Dose ideal für unterwegs.

Die Kombination aus Kakao, Kaffee und Kolanuss verlieh der Schokolade ihre anregende Wirkung. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte Scho-ka-kola zu den bekannten Produkten jener Zeit und wurde häufig als praktische Wegzehrung oder kleine Aufmerksamkeit mitgeführt. Die markante Blechdose machte sie zugleich zu einem langlebigen Alltagsgegenstand.

Das hier gezeigte Original vermittelt einen authentischen Eindruck davon, welche alltäglichen Gebrauchsgegenstände Soldaten und ihre Familien während der Kriegsjahre begleiteten. Opa liebte sie.


Pervitin – die „Droge der Wehrmacht“

Was hinter dem außergewöhnlichen Durchhaltevermögen vieler deutscher Soldaten während der frühen Kriegsjahre stand, war nicht allein militärische Ausbildung, Disziplin und Taktik. Eine weitere, lange unterschätzte Rolle spielte ein Medikament, das unter dem Namen Pervitin bekannt wurde.

Pervitin enthielt Methamphetamin. Es verringerte das Schlafbedürfnis, unterdrückte Müdigkeit und Hunger und konnte vorübergehend Konzentration, Selbstvertrauen und Leistungsfähigkeit steigern. 1940 gelangten allein für den Westfeldzug rund 35 Millionen Tabletten zur Wehrmacht und Luftwaffe. Besonders bei gepanzerten Verbänden und anderen Einheiten, die über lange Zeit ohne ausreichende Ruhe operieren mussten, kam das Mittel zum Einsatz. 

Die Wirkung war beeindruckend – zumindest kurzfristig. Soldaten konnten über lange Zeit marschieren, fahren und kämpfen, obwohl ihr Körper eigentlich längst nach Schlaf und Erholung verlangte. Das passte geradezu ideal zu einer Kriegsführung, bei der Geschwindigkeit und Überraschung entscheidend waren.

Und genau diese Geschwindigkeit überraschte die Gegner. Der deutsche Vormarsch durch die Ardennen und nach Frankreich entwickelte eine Dynamik, mit der die westlichen Alliierten nicht gerechnet hatten. Die deutschen Verbände bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, die für ihre Gegner teilweise kaum vorstellbar war. Winston Churchill bezeichnete die unerwartete Wucht dieses Vormarsches später als eine der größten Überraschungen seines Lebens. 

Pervitin war allerdings kein Wundermittel und schon gar keine Erklärung für die militärischen Erfolge der Wehrmacht. Die deutsche Kampfkraft beruhte auf einem Zusammenspiel aus Ausbildung, Führung, Erfahrung, moderner Kommunikation, beweglicher Operationsführung und dem Prinzip des schnellen Zusammenwirkens verschiedener Waffengattungen. Pervitin konnte dabei einen einzelnen, sehr menschlichen Schwachpunkt überbrücken: die Müdigkeit.

Der Preis dafür wurde häufig erst danach sichtbar. Schlaflosigkeit, Herz-Kreislauf-Probleme, psychische Veränderungen und die Gefahr von Abhängigkeit gehörten zu den Schattenseiten. Schon während des Krieges gab es innerhalb des deutschen Sanitätswesens erhebliche Bedenken gegen einen unkontrollierten Gebrauch. 

Pervitin machte aus deutschen Soldaten keine „Supermenschen“. Es half ihnen zeitweise dabei, länger wach zu bleiben, länger zu marschieren und länger zu funktionieren, als es der menschliche Körper normalerweise erlaubt hätte.

Und genau darin lag seine militärische Bedeutung.

🍫 Objekt

📅 Zeitstellung

🧱 Material

🎯 Verwendung

📖 Historischer Hintergrund

👨‍🌾 Bezug zur Familiengeschichte

Pervitin – Aufputschmittel der Wehrmacht

1938–1945

Tabletten in pharmazeutischer Verpackung

Pervitin wurde als Aufputschmittel eingesetzt. Müdigkeit und Erschöpfung unterdrücken, Wachheit und Konzentrationsfähigkeit steigern, längere Zeit ohne Schlaf funktionieren.

Pervitin war ein Methamphetamin-Präparat der Berliner Temmler-Werke. Während Westfeldzuges 1940 wurden mehr als 35 Millionen Tabletten an Wehrmacht und Luftwaffe ausgegeben

Ob Johann Stubbe selbst Pervitin erhielt oder einnahm, ist nicht überliefert. Das Originalobjekt vermittelt jedoch einen unmittelbaren Eindruck davon, mit welchen Mitteln die körperliche und psychische Belastbarkeit deutscher Soldaten während des Zweiten Weltkriegs beeinflusst werden sollte.


Hinweis zur historischen Einordnung
Die gezeigten Gegenstände dienen ausschließlich der Dokumentation des Alltags während des Zweiten Weltkriegs und befinden sich in Familienbesitz. Sie werden im Rahmen der Familiengeschichte Johann Stubbes gezeigt und sollen das Leben der Menschen jener Zeit nachvollziehbar machen. Sie stellen keine Verherrlichung des Krieges oder nationalsozialistischer Symbolik dar.


Eine Mundharmonika als „Sorgenbrecher“

Die Mundharmonika war im 19. und 20. Jahrhundert eines der meistverkauften Musikinstrumente der Welt. Sie war günstig, robust, leicht zu erlernen und konnte überallhin mitgenommen werden. Diese Eigenschaften machten sie auch bei Soldaten besonders beliebt.

Die hier gezeigte Mundharmonika stammt von der sächsischen Firma F. A. Rauner und wurde nach Angaben des Deutschen Panzermuseums Munster zwischen 1935 und 1943 hergestellt. Sie wurde in einer verzierten Schachtel mit der Darstellung eines marschierenden Musikkorps der Wehrmacht verkauft. Sie war vor allem ein persönliches Soloinstrument, besonders beliebt bei Mannschaftssoldaten. Als sogenannter „Sorgenbrecher“ sollte sie Ablenkung vom Kriegsalltag bieten, Trost spenden und eine musische Beschäftigung ermöglichen. Auch die Hersteller nutzten die Beliebtheit bei Soldaten für ihre Werbung. Die Firma Hohner veröffentlichte beispielsweise das Liederbuch „Du und deine Harmonika – Soldatenlieder mit einer Spielanleitung für deine Harmonika“. Neben Volks- und Soldatenliedern enthielt es auch nationalsozialistische Propagandalieder wie „Ich bin des Führers Frontsoldat“.

Ab 1943 musste auch F. A. Rauner die Produktion weitgehend zugunsten der Rüstungswirtschaft einstellen. Durch wiederholte Intervention der Wehrmacht konnten jedoch noch geringe Stückzahlen bis zum Kriegsende hergestellt werden.

🍫 Objekt

Mundharmonika „Militär-Musik“ der sächsischen Firma F. A. Rauner, mit originaler, militärisch gestalteter Schachtel.

📅 Zeitstellung

1935–1943. Das Modell wurde nach Angaben des Deutschen Panzermuseums Munster in diesem Zeitraum hergestellt.

🧱 Material

Metall, Holz und weitere Materialien des historischen Mundharmonika-Baus; dazu eine bedruckte Originalschachtel.

🎯 Verwendung

Als persönliches Musikinstrument, besonders bei Mannschaftssoldaten. Die handliche Mundharmonika diente als Unterhaltung und wurde von Soldaten auch als „Sorgenbrecher“ bezeichnet.

📖 Historischer Hintergrund

Die militärische Gestaltung machte sich die große Beliebtheit der Mundharmonika unter Soldaten zunutze. Auch die Firma Hohner veröffentlichte Soldatenliederbücher, die neben Volksliedern nationalsozialistische Propagandalieder enthielten. Musik sollte einerseits Ablenkung und Trost bieten, wurde andererseits aber auch gezielt zur Freizeitgestaltung und ideologischen Beeinflussung eingesetzt.

👨‍🌾 Bezug zur Familiengeschichte

Die Mundharmonika hat für mich eine ganz persönliche Bedeutung: Mein Vater spielte Mundharmonika – sogar mit Zungenschlag. Dieses Instrument verbindet daher ein historisches Zeugnis aus der Kriegszeit mit einer ganz persönlichen Erinnerung an meinen Vater.


Nachdem wir uns einige der Gegenstände angesehen haben, die einen Soldaten im Alltag begleiteten, lohnt sich auch ein Blick auf die schriftlichen Anweisungen, die ihm mitgegeben wurden.

Was ein Soldat wissen und beachten sollte

Neben persönlichen Gegenständen gehörten auch Merkblätter und Dienstvorschriften zum Alltag der Soldaten. Zwei erhaltene Originale zeigen, welche Verhaltensregeln einem deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs vermittelt wurden.

Die beiden Blätter behandeln dabei ganz unterschiedliche Situationen: Das erste beschäftigt sich mit dem Verhalten im persönlichen Alltag und der Vermeidung von Geschlechtskrankheiten. Das zweite gibt Anweisungen für den Fall einer Gefangennahme.

1. Merkblatt zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten

Das erste Merkblatt war offenbar dazu bestimmt, in die Tasche des Soldbuches eingelegt zu werden. Schon die Aufschrift macht deutlich, dass es sich nicht lediglich um eine allgemeine Informationsschrift handelte, sondern um eine unmittelbare Anweisung für den einzelnen Soldaten.

Originaltext – wortgetreue Transkription

In die Tasche des Soldbuches einlegen.

Vorschrift ohne Nummer.  Merkblatt

Anhang 2 zur H. Dv. 1a
Seite 53, lfd. Nr. 13.

Deutscher Soldat!

Merkblatt zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten.

Deutscher Soldat!

Hüte dich vor geschlechtlichen Ausschweifungen! Sie setzen deine Leistungsfähigkeit herab und sind deiner Gesundheit nicht zuträglich.

Ein geschlechtskranker Soldat kann keinen Dienst leisten; selbstverschuldete Dienstunfähigkeit aber ist eines deutschen Soldaten unwürdig! Von dir erwartet das Vaterland nicht nur volle soldatische Leistung, es will auch, daß du einst eine gesunde Familie gründest und Vater gesunder Kinder wirst.

Meide den Alkoholgenuß, er lähmt die Willenskraft und führt oft auf Abwege!

Meide den Umgang mit leichtfertigen Frauenspersonen! Sie sind fast immer geschlechtskrank!

Hast du in einer leichtfertigen Stunde dich zum außerehelichen Geschlechtsverkehr verleiten lassen, so entziehe dich nicht in unverantwortlicher Weise den Sanierungsvorschriften.

Historische Einordnung

Das Blatt vermittelt sehr deutlich, wie stark Gesundheit, Sexualität, Moral und militärische Leistungsfähigkeitmiteinander verknüpft wurden. Der einzelne Soldat wird nicht nur als Patient oder Privatperson angesprochen, sondern als Teil der militärischen Gemeinschaft und als zukünftiger Familienvater.

Interessant ist auch die formale Gestaltung: Die Bezeichnung „Anhang 2 zur H. Dv. 1a“ und der Hinweis, das Blatt in die Tasche des Soldbuches einzulegen, zeigen, dass solche Informationen unmittelbar mit den persönlichen Militärunterlagen verbunden waren.

Ein zeitgenössischer archivalischer Nachweis des Bundesarchivs dokumentiert ebenfalls ein Merkblatt zu Maßnahmen zur Verhütung von Geschlechtskrankheiten für die Truppe, datiert auf den 3. Februar 1944. Das bestätigt den historischen Kontext solcher militärischen Gesundheitsvorschriften, ohne dass damit automatisch das genaue Entstehungsdatum dieses konkreten Exemplars bestimmt ist.

2. Merkblatt über Verhalten in Kriegsgefangenschaft

Das zweite Blatt behandelt eine wesentlich dramatischere Situation: die Gefangennahme eines Soldaten.

Bemerkenswert ist, wie konkret die Anweisungen formuliert sind. Der Soldat soll wissen, welche Angaben er machen muss, welche Fragen er ablehnen soll und wie er sich gegenüber Vernehmenden zu verhalten hat.

Originaltext – wortgetreue Transkription

Merkblatt

über Verhalten in Kriegsgefangenschaft.

Wenn Du das Unglück hast in Gefangenschaft zu geraten, wird der Feind versuchen, Dich auszufragen:

Merke Dir folgendes:

1. Du darfst nicht zur Aussage gezwungen werden und bist nur verpflichtet anzugeben: Vornamen, Zunamen, Dienstgrad, Geburtstag und genaue Heimatanschrift.
(Artikel 5 der Genfer Konvention)

2. Jede andere Frage lehne höflich aber bestimmt ab unter Berufung auf die Genfer Konvention. Jede Aussage, die Du darüber hinaus machst, nützt dem Feind und kann das Blut Deiner Kameraden kosten. Lasse Dich auch durch Kenntnisse, die der Feind angeblich schon hat, nicht zur Aussage verleiten. Wenn der Feind genau Bescheid wüßte, würde er nicht fragen.

3. Wenn der Feind versucht, Dich durch Freundlichkeiten, Drohungen oder Schläge zur Aussage zu verleiten, bleibe stur und mache nur die Angaben über Deine Person. Weise den Vernehmenden darauf hin, daß er auch nichts aussagen würde, wenn er an Deiner Stelle wäre. Auch der Feind verachtet den Verräter.

4. Gib nie Dein Ehrenwort nicht zu fliehen, sprich nie im feindl. Rundfunk, besprich keine Schallplatten.

5. Für eine mißlungene Flucht darfst Du nur disziplinarisch bestraft werden! (Zur Verbüßung von Disziplinarstrafen dürfen Gefängnisse, Kerker oder Zuchthäuser nicht verwendet werden!)

6. Versuche bei einer Gefangennahme sofort alle Schriftstücke, die Du bei Dir hast, zu vernichten mit Ausnahme des Soldbuches. Vom Soldbuch vernichte nur die Seiten, die Auskunft über Deine Truppenzugehörigkeit geben (Heer: Seite 3–4, 15–18. Marine: Seite 23–24. Luftwaffe: Seite 3–4, 17–18).

7. Alle sonstigen persönlichen Sachen, Dienstgradabzeichen, Auszeichnungen und Wertgegenstände dürfen Dir nicht abgenommen werden. Geld darf Dir nur auf Befehl eines Offiziers und gegen Empfangsschein abgenommen werden. (Artikel 9 der Genfer Konvention)

8. Spätestens eine Woche nach Deiner Ankunft im Lager darfst Du nach Hause schreiben.

Historische Einordnung

Dieses Merkblatt ist besonders interessant, weil es zeigt, dass der Soldat bereits vor einer möglichen Gefangennahme auf seine Rechte und Pflichten vorbereitet werden sollte.

Die Bezugnahme auf die „Genfer Konvention“ ist dabei nicht zufällig. Die Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929 regelte unter anderem, welche Angaben ein Kriegsgefangener bei einer Befragung machen musste und dass kein Zwang eingesetzt werden durfte, um militärische Informationen zu erhalten. Artikel 5 sah die Angabe des tatsächlichen Namens und Dienstgrades beziehungsweise der Regimentsnummer vor und untersagte Zwang zur Erlangung weiterer Informationen. 

Interessant ist allerdings eine Abweichung zwischen dem Merkblatt und dem Wortlaut der Konvention: Das Blatt nennt als verpflichtende Angaben auch Geburtstag und genaue Heimatanschrift. Artikel 5 der Genfer Konvention von 1929 formulierte die Pflicht enger. Die später verabschiedete Genfer Konvention von 1949 regelte die zulässigen Identitätsangaben dann ausdrücklich als Nachname, Vornamen, Dienstgrad, Geburtsdatum und militärische Nummer bzw. gleichwertige Angaben. 

Auch bei den persönlichen Gegenständen ist eine kleine Ungenauigkeit des Merkblatts bemerkenswert: Die Regelung zum Eigentum von Kriegsgefangenen findet sich in der Genfer Konvention von 1929 in Artikel 6, während das Merkblatt bei Punkt 7 auf „Artikel 9“ verweist. 

Gerade solche Abweichungen machen das Dokument für eine Familien- und Geschichtsseite interessant. Es zeigt nicht nur, was die internationalen Vereinbarungen tatsächlich vorsahen, sondern auch, wie diese Regeln den Soldaten vermittelt wurden.

Quelle: