Die Speckendiken Probe
n einem kleinen Dorf im Emsland, dort, wo die Winter lang und rau sind, gab es eine besondere Tradition, wenn ein junger Mann um die Hand einer Frau anhielt. Es war nicht etwa so, dass ein offizieller Antrag gestellt wurde oder der Vater der Braut sofort das letzte Wort hatte – nein, die Entscheidung fiel oft ganz unscheinbar am Familientisch. Und das Werkzeug dieser Prüfung waren die traditionellen Speckendicken.
Warb ein junger Mann um eine Frau, wurde er von ihren Eltern zum Essen eingeladen. Die gesamte Familie versammelte sich um den großen Holztisch in der warmen Stube, während draußen der Wind durch die kargen Bäume fegte. In der Mitte des Tisches stand eine dampfende Schüssel mit den herzhaften Eierkuchen, durchsetzt mit knusprigem Speck und würziger Mettwurst – die berühmten Speckendicken.
Die Regel war einfach: Bekam der junge Mann drei oder mehr Speckendicken auf seinen Teller gelegt, galt dies als stillschweigende Zustimmung der Brauteltern. Er durfte sich Hoffnungen machen, dass seine Werbung erfolgreich sein würde. Wurden ihm jedoch weniger als drei serviert, bedeutete das, dass er seine Hoffnungen besser begraben sollte. Er musste unverrichteter Dinge und mit leerem Herzen von dannen ziehen.
Doch dieser Brauch galt nicht nur für Freier. Auch andere Gäste wurden auf diese Weise bewertet. Wer nur eine oder zwei Speckendicken bekam, wusste, dass seine Gesellschaft nicht allzu sehr geschätzt wurde. Wer jedoch großzügig mit den deftigen Waffeln bedacht wurde, der konnte sich sicher sein, dass er als willkommener Gast galt.
So wurde das Essen nicht nur zum Genuss, sondern auch zu einer versteckten Botschaft, die jeder verstand. In manch einem Fall soll ein entschlossener Freier sogar darum gebeten haben, sich noch eine zweite Portion nehmen zu dürfen – nicht ahnend, dass diese Entscheidung allein in den Händen der Gastgeber lag.
Das traditionelle Rezept für Speckendicken
Wer diesen Brauch zu Hause ausprobieren oder einfach die ostfriesisch-emsländische Spezialität genießen möchte, kann sie nach folgendem Rezept selbst backen:
Speckendicken:
Zutaten für etwa 10 Stück:
250 g Roggenmehl
250 g Weizenmehl oder Buchweizenmehl
500 ml Milch
3 Eier
2 EL Zucker
2 EL Rübensirup
1 TL Backpulver
1 Prise Salz
1 TL Anis (optional)
1 TL Kardamom (optional)
100 g durchwachsener Speck (in kleine Würfel geschnitten)
1 Mettwurst (in dünne Scheiben geschnitten)
Butter oder Schmalz zum Einfetten des Waffeleisens
Zubereitung:
1. Den Rübensirup mit etwas heißem Wasser verrühren, bis er sich auflöst. Danach mit Zucker, Milch und den Eiern vermengen.
2. Mehl, Backpulver, Salz und Gewürze in einer großen Schüssel mischen. Die flüssigen Zutaten nach und nach unterrühren, bis ein glatter, dickflüssiger Teig entsteht.
3. Den Teig etwa eine Stunde quellen lassen.
4. Das Waffeleisen vorheizen und mit Butter oder Schmalz einfetten.
5. Eine kleine Kelle Teig in das Eisen geben, einige Speckwürfel und Mettwurstscheiben darauflegen und dann eine weitere dünne Schicht Teig darübergeben.
6. Die Speckendicken goldbraun backen, bis sie außen knusprig und innen saftig sind.
7. Warm servieren – traditionell mit Butter und Sirup oder einfach pur genießen.
Ob für den Jahreswechsel, ein gemütliches Beisammensein oder als heimlicher Brauch – Speckendicken sind mehr als nur eine Mahlzeit. Sie erzählen Geschichten, wecken Erinnerungen und lassen einen Hauch alter Tradition in der Küche aufleben. Wer weiß, vielleicht könnte dieser Brauch ja auch in der heutigen Zeit wieder seinen Platz finden?